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Werner Kügel
Der P.Bl.O. -- Ein Beitrag zur Kulturtradition
Nürnbergs
Im Schaufenster des Café Kröll am Hauptmarkt
ruckelte immer wieder eine hübsche Figurengruppe vor sich hin, und es wäre
schade, wenn sie ganz verschwunden wäre: Sie zeigte, wie mithilfe eines
Trichters einem leicht simpel wirkenden Schüler die Weisheit ins Haupt gegossen
wird. Das stellt sich derleicht hämische
Volksmund unter dem "Nürnberger Trichter" vor. Aus Nürnberg kamen
nämlich manche Erfindungen, die andernorts Zeugnis gaben von der Findigkeit,
manchmal auch der Versponnenheit, der fleißigen Leute in der alten Reichsstadt.
Als aber alte Reichsstädte nicht mehr in Mode waren, traute man ihr jede
Spinnerei zu und fälschte eine wirkliche Errungenschaft Nürnberger Gelehrtenfleißes
in ein Zerrbild um. Andererseits gehört der Nürnberger Trichter lange schon zu
den Wahrzeichen der Stadt, und wir haben genug Humor, selber darauf zu
verweisen, wie auch auf den Eppeleinsprung. Was aber
hinter dem Nürnberger Trichter wirklich steht, wissen wenige.
Der Gründer des Pegnesischen Blumenordens, Georg
Philipp Harsdörfer, schrieb im Laufe von 20 Jahren
Bücher von insgesamt 20 000 Seiten Umfang über alles mögliche,
vor allem aber über Sprache und Dichtung. Im Jahre 1648 erschien aus seiner
Feder ein Werk über das Erlernen der Regeln, die damals beim Verfassenvon Gedichten zu beachten waren. Das Buch
verzichtete darauf, beim Leser Kenntnis der lateinischen Sprache
vorauszusetzen, wandte sich also auch an Nicht-Akademiker und wollte Bildung in
weitere Bevölkerungsschichten tragen. Zumal den Frauen wollte Harsdörfer helfen, zu ebenbürtigen Gesprächspartnerinnen zu
werden. (Er hatte schon ab 1642 kleine Bändchenmodellhafte
Frauenzimmer-Gesprächspiele in 8 Teilen erscheinen lassen). Schon das erschien
damals vielen lächerlich, obwohl es weitblickend war.
Was aber die Spottlust vornehmlich reizte, war der nach der Mode der Zeit in
bildlicher Ausdrucksweise abgefaßte Titel seiner
Anleitung: "Poetischer Trichter. Die Teutsche
Dicht- und Reimkunst ohne Behuf der lateinischen Sprache in VI
Stundeneinzugießen." Das wollte nicht heißen, daß
Harsdörfer jemand Beliebigen in einem Schnellkurs von
sechs Stunden zum Dichter machen wollte! Er wollte seinTeil
dazu beitragen, daß die anerkannten Regeln dem
Anfänger leichter bekannt würden.
1644 - Dichterkrönung mit Blumenkränzen: der Blumenorden wird gegründet. Versammelt
am Ufer des Pegnitz-Flusses, nennt er sich "pegnesisch".
Der Gründungslegende nach wurden zum 14. Oktober 1644 anläßlich
einer Doppelhochzeit zweier Töchter der Patrizierfamilie Tetzel
von Kirchensittenbach zwei Hochzeitsgedichte bestellt, eines von Harsdörfer und ein anderes von dem jungen Johann Klaj, der erst unlängst von Meißen als Kriegsflüchtling
zugereist war. Der bessere sollte einen Blumenkranz erhalten, doch sie wollten
einander den Vorzug gönnen. Schließlich nahm jeder nur eine Blume heraus, zu
der er sich eine Devise wählte, und andere Poeten wurden aufgefordert, dem Bund
beizutreten. In Wirklichkeit wird auch ein kulturell aufgeschlossener Kleriker namens
Dilherr an der Gründung beteiligt gewesen sein. Für
den Heimatforscher ist bemerkenswert, daß es keine uralt-eingesessenen Nürnberger waren, die da tätig wurden:
Die Familie von Harsdorf stammte ursprünglich aus
Deutschböhmen, Klaj aus Sachsen, Harsdörfers
junger Dichterkollege und Nachfolger Birken aus der Gegend von Eger.
Sigmund von Birkens Exlibris mit den
Ordensdevisen: "Alles zur Ehre des Himmels" und "Zu einem Ton
einstimmend". (Die dritte lautet: "Mit Nutzen erfreulich".)
Der einst recht erfolgreiche Literaturhistoriker Nadler,
der alles nach Stammeszugehörigkeit ordnete, faßte
den Blumenorden als die nach Nürnberg verlagerte Literatur der Deutschböhmen
auf. Das geht ein wenig zu weit, denn der Orden zeigte sich durchaus ins
gesellige und künstlerische Geschehen der Stadt verknüpft statt nach oder von
drüben orientiert. Aber vor allem: Europa war der Horizont dieser Gelehrten.
Sie hatten auf Bildungsreisen einen Großteil davon gesehen und unterhielten
schriftliche Beziehungen zu ihresgleichen von den Niederlanden bis nach Neapel.
Der mittlere Zirkel ihres Bewußtseins war das Reich,
und zwar als Problem, auf das man einzugehen hatte: 30-jähriger Krieg, Schaukelpolitik
Nürnbergs zwischen evangelischen Reichsständen und dem katholischen Kaiser,
bedrohte Einheit der Kultur sind die Stichwörter. Birken spielte als zweiter
Präses (Vorsitzender) zeitweilig die anerkannte Rolle eines Praezeptor
Germaniae [van Ingen, Kongreß
94]). Des Deutschen Vaterland war aber damals nicht
das Reich. Es gab z.B. den Ausdruck die "nürnbergischen
Vaterländer". Wo der Vater ansässig war, dort fand man normalerweise das Feld
für seine Tätigkeit. (Dem 5. Präses, Lilidor, wurde
in Italien zugeredet, man könne in Nürnberg einen Mann wie ihn doch gar nicht
schätzen. Er kehrte aber zurück und bekleidete zu Hause wichtigste Ämter. Das
war wohl Stolz, dazugehören zu dürfen, auch wenn nicht alles gerade sehr gut
ging!) Eine weitere Auffassung von Heimatliebe:
In der Bibliothek des Germanischen National-Museums findet man eine Schrift von
1677: "Der Norische Parnaß und Irdische Himmel-Garten
[...] bewandlet und behandlet
von Floridan [Sigmund von Birken] in geleitschaft seiner Weidgenoßen."
Dieser Parnaß, dieser Berg der Musen, wurde ihnen der
Moritzberg, und Birken läßt einen bei der Besteigung
die Rundsicht folgendermaßen kommentieren:
"Ich wüste auch meines theils keinen Ort/ der
sich bäßer mit der Griechen ihrem Parnaß
und dessen Umligenheit vergliche. Kommet/ und
betrachtet mir diese Gegend. Dort gegen Mittag/ etwan
eine Stunde von hier/ ligt der Norische Musen Sitz Paläkome [Altdorf] und eben so lage
Delfis gegen dem Parnassus.
Hierunten am Berg gegen Abend quillet
der schöne Rocken-Brunn/ den wir hernach beschauen
wollen: gleichwie am Parnassus der Brun Castalis. Sehet auch/ dort
von Norden her aus den Sudeten/ unsere Pegnitz durch das WiesenThal/das
der Griechen ihrem Tempe wol
gleichen kan/ den Weg nach der Norisburg
suchen/ wie ein Fluß vom Parnaß
nach dem Meer von Corintho."
Man sieht nun schon, wie diese mittelfränkische, nicht sehr erstaunliche Landschaft,
die in der Menschheitsgeschichte nie eine bedeutsame Rolle gespielt hat, durch
solche Vergleiche plötzlich an Sinntiefe gewinnt. Einzigartig sollte sie nach
der Denkart jener Wanderer nicht sein, sondern sich im Gegenteil aufeinen
klassischen Typus von Landschaft zurückbeziehen
lassen. Ebenso mythisch befrachteten die Pegnitzschäfer ihren Irrhain.
1676 - aus dem Poetenwäldchen an der Pegnitz durch einen neuen Zaun ferngehalten,
richtet sich der Orden im Irrhain bei Kraftshof einen
neuen Treffpunkt ein.
1681 -- 1716
Christoph VII. Fürer von Haimendorf
(Lilidor I.)
5. Präses des Ordens, erwirkt im gleichen Jahr 1716, in dem die erste gedruckte
Satzung des Ordens erscheint, eine Bestätigung der Lehensvergabe
des Irrhains an den Blumenorden aufgrund des Waldverlasses von 1681.
Er ergänzt die Dichtergesellschaft mit Gelehrten und Geistlichen und dient
seiner Stadt als Vorderster Losunger und Kastellan
der Reichsveste.
"Lilidor" -- man trug damals im
Blumenorden antike Schäfernamen. Als Schäfergesellschaft war der Orden dazu
gegründet worden, daß man sich überangenehme Dinge in
seiner Freizeit auch einmal von Mensch zu Mensch, fern der drückenden Etikette,
unterhalten könne. Gerade das erscheint aber um 1710 nicht mehr seriös. Man
nahm es mit Titel und Stellung noch genauer als im Hochbarock. Es ist vor
diesem Hintergrund höchst unerwartet und bemerkenswert, daß
der neue Präses in einer Denkschrift gerade den Freiraum so hervorhebt, den der
Orden gewährt, allerdings nur zum Zweck gelehrter Gespräche. Lilidor sieht den Blumenorden schon als eine Nürnbergische Akademie. Dieser Gedanke wurde im Lauf der
Geschichte noch mehrmals aufgegriffen und ist wohl einer der
Ansporne, dem der Orden sein Überleben zu danken hat. Die anderen
barocken Sprachgesellschaften sind samt und sonders um 1700 eingegangen.
Das Überleben dankt der Orden aber auch dem Irrhain: weil es eine Schande wäre,
wenn man wegen Auflösung des Ordens den Irrhain in andere Hände gelangen lassen
müßte (so Holzschuher-Alcander
in einem Rundbrief von 1751). Damals war der Orden knapp vor der Auflösung,
weil sein Vereinszweck kaum mehr beachte wurde und die Formen der Geselligkeit
veraltet erschienen. Aber immer wieder rafften sich einzelne auf, dem Orden
wieder Leben einzuhauchen, und das waren nicht durchwegs Einheimische: Cramer
(aus Hattingen an der Ruhr, wie die Familie Cramer-Klett, wahrscheinlich
verwandt), dann Leinker (Enkel eines zugewanderten
dänischen Apothekers, dem die Kugel-Apotheke gehörte)!
1761 schrieb der Leipziger Literaturpapst Gottsched an den Altdorfer Professor
und Blumengenossen Georg Andreas Will, da die Pegnesische
Schäfergesellschaft ihrem Ende ziemlich nahe zu sein scheine, solle doch Wills Deutsche
Gesellschaft sich den Irrhain aneignen! Will und seine Studenten wollten aber
lieber dazu beitragen, daß der Orden in reformierter
Gestalt weitergeführt werden konnte.
1778
Unter Präses
Johann Augustin Dietelmair (Irenäus)
feiern die Pegnesen die Hundertjahrfeier ihrer
ersten Arbeiten am Irrhain.
Besonders geehrt wird
Johann Friedrich Cramer (Irenander),
weil er zur Erhaltung des Irrhaines eine namhafte Summe gespendet hat. Ihm
wird als erstem, nachdem er wenige Monate darauf verstorben ist, ein Steindenkmal
gesetzt. (Es trägt heute die Namen der Ordensgründer.)
Es gab in Altdorf eine Gesellschaft namens "Deutsche Privatgesellschaft",
die einige Studenten gegründet hatten, und von dieser ging schließlich die
längst notwendige Erneuerung des Ordens aus. Sie haben Anteil an derjenigen
Traditionslinie, die als Subkultur unmittelbar aus Rokoko und Empfindsamkeit
über Sturm- und Drang-Jahre in den vorklassischen Klassizismus führt, fast ohne
Übergang zum Biedermeier, vielleicht sogar zum Frührealismus, ohne an der
Weimarer Klassik der beiden Größten viel Anteil zunehmen. Ob man diese in
Nürnberg, wenn man den Unterschied zu Leuten wie Wieland (einem Ehrenmitglied
des Ordens) überhaupt wahrnahm, begriff und schätzte, müßte
noch geklärt werden.
1790 -- 1800
Ein Windbruch wirft zahlreiche Bäume nieder; die Hecken kommen wegen der
Verwandlung des Irrhains in einen hochstämmigen Wald nicht mehr auf. Daher werden
allmählich die Laubengänge und Irrhecken aufgegeben. Der Irrhain wird zu einem
naturnahen Park.
1791 feiert der Reformpräses
Georg Wolfgang Panzer (Theophobus)
mit seinen Blumengenossen ein Fest der Freundschaft. Die Beleuchtung des
Ehrentempelchens hat Stadtflaschnermeister, Mundartdichter (und Blumengenosse)
Konrad Grübel
verfertigt. Grübel besorgt auch meisterlich die
Illumination des Haines zur 150-Jahr-Feier des Ordens
1794.
Um 1800 wirkten sich die geschichtswissenschaftlichen Neigungen einiger Ordensmitglieder
auf einem Großteil der Versammlungen aus. Dabei berührt es merkwürdig, schon
etwa hundert Jahre, bevor die gründerzeitliche
Renaissance-Schwärmereieinsetzte, an der Wahl der Gegenstände bei diesen
Nürnbergern ähnliches zu beobachten. Vielleicht hängt es mit dem absehbaren
endgültigen Untergang der Reichsidee und des reichsstädtischen Wesens zusammen,
daß man sich auf deren beste Zeiten gerne besann.
Am 1. November 1791 mußte besprochen worden, wie
sich der Orden gegen eine abträgliche Darstellung in der Berliner
"Deutschen Bibliothek" zur Wehr setzen sollte. Ein Widerhall davon
war auch in der "Jenaischen Allgemeinen
Literaturzeitung" zu lesen gewesen. Von daher wurde wohl Schiller, ohne
nähere Kenntnis, zu seinem berüchtigten Xenion über
den Orden veranlaßt: "Ganz hypochondrisch bin
ich vor langer Weile geworden, und ich fließe nur fort, weil es so hergebracht
ist." Es ist zu vermuten, daß es politische
Gründe waren, die den Journalismus jener Tage veranlaßten,
Nürnberg zum Gegenbild all dessen hinabzustilisieren, was man für
fortschrittlich hielt. (Statt des Josephinismus einen
ordentlichen Jakobinismus, oder so ähnlich.) Die Pegnesen rückten dem "Journal von und für
Franken" eine in ihren Augen zweckmäßige Abhandlung ein, desgleichen dem
"Intelligenzblatt" Nürnbergs. Schiller hat's nicht wahrgenommen, und
Nürnbergs Ehrenrettung erfolgte später aus einer romantischen Gesinnung, die
dem Wesen des damaligen Blumenordens auch nicht entsprach, durch Wackenroder ("Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders") und E.T.A. Hoffmann
("Meister Martin der Küfner und seine
Gesellen"): Sentimentalische, von der Sehnsucht nach der vermeintlich
heilen Welt des Mittelalters getragene Nürnberg-Schwärmerei.
Im Gegensatz zur Provinzidylle stand um 1820 nicht mehr der barocke Gelehrte,
der, weil es noch keine Fachzeitschriften gab, mit Kollegen aus ganz Europa
korrespondierte, sondern der heimische Patriot.
Was man damals Patriot oder auch "Biedermann" nannte -- ganz ohne Betulichkeit
oder Ironie --, war einer, der sich dem öffentlichen Wohl in seiner Eigenschaft
als Privatperson verpflichtet glaubte und danach handelte. Man zog sich nicht
auf den Standpunkt zurück: "Ich zahle genug Steuern, der Staat wird's
schon machen", wenn man Patriot war; man gründete und erhielt durch
Stiftungen und Mitarbeit private Anstalten oder Institutionen, die gleichwohl
der Öffentlichkeit dienten, obwohl sie sich für die Stifter nicht unmittelbar
auszahlten. Rührige Bürger dieser Art fanden sich auch im Pegnesenorden.
Doch der genügte ihnen nicht in ihrer Eigenschaft als Biedermänner: Ein
weiterer, gemeinnütziger Verein nahm manche Pegnesen
auf --die meisten davon gehörten sogar zu seinen Gründungsmitgliedern --, und
dieser war die 1792 ins Leben gerufene "Gesellschaft zur Beförderung vaterländischer
Industrie". Aus diesem Kreis kam der Vorschlag für eine Industrieschule in
Nürnberg.
Im Blumenorden selber war man unter dem Einfluß
der Professoren aus Altdorf am Ende der reichsstädtischen Zeit ernsthaft mit
der Errichtung einer Gelehrtenakademie nach französischem Vorbild umgegangen.
Es sollte eine historische, eine naturwissenschaftliche und eine literarisch-sprachliche Abteilung gebildet werden. Dagegen
forderten einige jüngere Ordensmitglieder in den 1840er Jahren nachdrücklich
eine Reform des Vereinslebens. Sie wollten die literarische Bildung aktiv in
die Nürnberger Bürgerschaft hineintragen und auch solche am Vereinsleben
teilnehmen lassen, die nicht schöpferisch tätig sein konnten; auch für
weibliche Mitglieder sollte sich der Orden wieder öffnen. Die Mehrheit im Orden
sah wohl nicht, daß dadurch das ursprüngliche Konzept
wiedererweckt werden sollte, und lehnte die Forderungen nach Öffnung für neue Mitglieder
und nach öffentlichen Vorträgen ab. Der Orden spaltete sich für 16 Jahre. Die
Neuerer bildeten den "Literarischen Verein".
Die Sommerausflüge dieses Vereins führten in den Irrhain, auf den Schmausenbuck, auf die alte Veste
und an den Dutzendteich. Die dabei aufgeführten Spiele im Irrhain stammten
entweder von Erfolgschriftstellern der damaligen Zeit oder dann von Mitgliedern;
insgesamt 15 derartiger Sommerproduktionen sind überliefert. Den größten Erfolg
verzeichneten die Aufführungen von Schillers "Wallensteins Lager" auf
der Alten Veste vor mehr als 2000 begeisterten
Zuschauern. Nach den Aufführungen, Gedicht- und Liedvorträgen -- ein paar
Musiker und Sänger waren immer dabei -- folgte einrecht lebhaftes
Tanzvergnügen.
Bis zur Liberalisierung des Vereinsrechtes in Bayern im Jahr
1861verzeichnete der Literarische Verein eine stete Mitgliederzunahme, weil man
anderswo kaum in größerer Anzahl zur Freizeitgestaltung zusammenkommen konnte.
In jenem Jahr waren es 378, dann nahm die Zahl wegen stärkerer (und weniger geistig
anstrengender) Konkurrenz bald ab. Wer im Nürnberger Kulturleben aktivtätig
war, der gehörte nach wie vor dem Literarischen Verein an. Die Pfarrer von Egidien, Lorenz und Sebald, die aus Tradition meist dem
Blumenordenangehörten, findet man auch in den Mitgliederlisten des
Literarischen Vereins. Schulleiter oder Pfarrer, Lehrer vom Egidienberg,
von der Gewerbeschule, sämtliche leitenden Angestellten des Germanischen
Museums, viele Kaufleute und Handwerksmeister, Apotheker und Buchhändler, heute
würde man vom Mittelstandreden.
Die Außenwirkung des Vereins war wegen der Beziehung nach Überseebemerkenswert.
Correspondierende Mitglieder oder Ehrenmitglieder gab
es auf Kuba, in Lateinamerika, vor allem in den USA, dort Wadsworth
Longfellow und
einige Universitätsprofessoren. Alle auswärtigen Mitglieder wurden 1874 in den Orden
übernommen.
Unterdessen war der alte Blumenorden zu einem Industriellenklub geworden. Einer
der berühmtesten und ersten war der Kaufmann Johannes Scharrer.
Er hatte wesentlichen Anteil daran, daß Nürnberg als
Hopfenmarkt im 19. Jahrhundert eine zentrale Stellung einnahm. Von 1823 bis
1829 war er Zweiter Bürgermeister von Nürnberg. Er schuf ein städtisches
Volksschulwesen, kümmerte sich um die Reform des Gymnasiums und ermöglichte den
Mädchen eine bessere Ausbildung durch die Gründung einer Höheren Töchterschule.
Im "Wegweiser für Fremde in Nürnberg" von dem Pegnesen
Christian Conrad Nopitsch, 1801, war bereits von
einer ähnlichen Errungenschaft zu lesen, die auf Ordensmitglieder zurückgeht,
allerdings noch im Bereich des Fachschulwesens: "Im Jahr 1793 wurde auf
Ansuchen der Gesellschaft zurBeförderung der
vaterländischer Industrie durch einen Verlaß des
Herrn Oberalmosenpflegers ein Zimmer der Lorenzer
Armenschule zum Gebrauch der neu-errichteten
Industrieschule auf 24 Mädchen überlassen."
Indem Johannes Scharrer derartige Bestrebungen in
erweiterter Weise fortführte, paßte er gerade recht
gut zu den Ordensmitgliedern der damaligen Zeit. Er war seit 1820 unter den
Mitgliedern. Unter verbesserten Bedingungen mußte
eine solche Orientierung des Blumenordens und einiger seiner neuere Mitglieder
einen bedeutenden Anteil an der Industrialisierung und der Wohlfahrtspflege der
Stadt haben.
1823: Gründung einer Polytechnischen Schule, die Scharrer
nach seiner Bürgermeisterzeit als Direktor leitete und wo er Georg Simon Ohm
begegnete. Diese Institution hat zur Nachfolge mittelbar die heutige "Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule".
Am 7. Oktober 1835 wurde der Pegnesische Blumenorden
zur Grundsteinlegung der Gebäude für die Chemischen und Mechanischen
Werkstätten der "Polytechnischen Anstalt" eingeladen, die am 15.
Oktober abgehalten wurde. Das war kein Zufall, nicht bloße Höflichkeit unter
Honoratioren verschiedenster Interessengebiete. Man kann nicht sagen, daß Scharrers Beziehungen zum
Orden lediglich aus dem Bedürfnis herrührten, in seiner Freizeit auch ein wenig
Schöngeistiges zu betreiben.
Johannes Scharrer war auch Mitbegründer der ersten
deutschen Eisenbahn. Zuerst zweiter Direktor der
Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft, übernahm er nachdem Rücktritt von G. Z. Platner
das Direktorat und den weiteren Ausbau des Unternehmens, dem er bis zu seinem
Tod 1844 vorstand. Im selben Jahr feierte der Pegnesische
Blumenorden sein 200jähriges Jubiläum, mit dem in gewisser Hinsicht die
Biedermeierzeit im Orden zu Ende ging.
1855
König Maximilian II. von Bayern
stattet Nürnberg einen Besuch ab, der die Normalität der Beziehungen zur
ehemaligen Reichsstadt besiegelt.
(Seither gibt es ein "Maxtor" und ein "Maxfeld".)
Er beehrt auch den Blumenorden mit seiner Anwesenheit beim Irrhainfest.
Für eine weitere Epoche kann Lothar von Faber als repräsentativ gelten. Der Bleistiftfabrikant
trat am 22. Dezember 1866 unter der Nummer 560 in den Pegnesischen
Blumenorden ein.
Gustav Schwanhäußer, "Schwan-STABILO",
war auch Pegnese. Ferner: der Buchdruckereibesitzer
Wilhelm Tümmel; Hermann Lambrecht, 1848 - 1930, Mitinhaber
der Nürnberger Farbenfabrik Pabst & Lambrecht. Über 31 Jahrelang, seit
1894, war er Schatzmeister und auch Ehrenmitglied im Orden.
Der Zinnfigurenfabrikant Wilhelm Heinrichsen, Mitglied der Industrie- und Handelskammer
und Vorsitzender des Gewerbevereins, war auch im Orden und literarisch tätig.
Sigmund Schuckert, 1846 - 1895, war ebenfalls
Mitglied des Ordens ab dem 23.5. 1890. Während eines mehrjährigen Aufenthalts
in den USA besuchte er Baltimore, Philadelphia und arbeitete auch in Cincinnati
in der Firma von Thomas A. Edison. 1873 nach Nürnberg zurückgekehrt, eröffnete
er eine kleine Werkstatt -- die Grundlage seines Unternehmens waren 1000 in
Amerika ersparte Dollar. Sigmund Schuckerts
Sozialmaßnahmen für Arbeiter und Angestellte gingen weit über das gesetzliche Muß hinaus. Während der stärksten sozialen Spannungen im
Industrie-Milieu nannten die Firmenmitglieder ihren Dienstherrn vertrauensvoll "Vater
Schuckert". Sein größtes soziales Denkmal setzte
er sich in der Stiftung "Wohnungsbaugemeinschaft Sigmund Schuckert", deren gediegene Wohnlichkeit damals
Modellcharakter für das Genossenschaftswesen im Arbeiterwohnungsbau erlangte. Sein
1893 in eine Aktiengesellschaftumgewandeltes Werk wurde später als "Siemens-Schuckert-Werke" mit Siemens fusioniert Das
wissen ältere Nürnberger noch, die sagen, daß sie "beim
Schuckert" arbeiten, nicht "bei
Siemens".
Dr. Wilhelm Tafel, Hütteningenieur, ist seit dem 3. 3. 1893 unter der Nr.853
in der Stammliste aufgeführt. Er kam im 8. Lebensjahr nach Nürnberg, wo sein
Vater ein Feineisenwerk gründete. Im Tafelwerk sieht
man heute Zeugnisse der Industriekultur ausgestellt. Dort würde sich ein
Hinweis auf den Blumenordendes 19. Jahrhunderts gar nicht schlecht machen.
Man muß nicht glauben, daß
mit diesen repräsentativen Namen, die man vielfach heute noch kennt, die Zahl
der Verflechtungen schon erschöpfend dargestellt ist, die den Blumenorden mit
der Industrialisierung der Stadtverbinden. Angesichts einer solchen Aufstellung
wundert es nicht mehr, wieso es dem Orden gegen Ende des 19. Jahrhunderts
gelingen konnte, noch einmal eine in ganz Deutschland geachtete Rolle zu
spielen. Die Mitgliederpolitik der damaligen Ordensleitung und die
Aufgeschlossenheit finanziell starker Kreise für den Blumenorden machten manche
Vorhaben leichter zu verwirklichen, als es zur Zeit der
Fall ist.
Irrhainfeste und Jubiläen (Schillers Todestag 1905) ließen den Blumenorden in
den Augen der Nürnberger als etwas ganz selbstverständlich Einheimisches erscheinen,
und er mußte seine Existenz und seine Tätigkeit lange
Zeit überhaupt nicht mehr begründen. Das schadet natürlich auf die Dauer.
Außerdem befand sich die den Orden tragende Gesellschaftsschicht in zunehmendem
Gegensatz zu den handwerklichen Errungenschaften und weltanschaulichen Zweifeln
der modernen Literatur. Es blieb nicht aus, daß der
Orden rückwärtsgewandt wurde, sich vornehmlich für seine eigene Geschichte
interessierte, und der Revolution von Rechts keine geistige Eigenwelt
entgegensetzen konnte -- geraderechtzeitig, um in unseren Augen die Ehre des
Ordens zu retten, wurde das christliche Fundament in Zeiten des Weltkriegs und
des totalitären Staates wiederentdeckt: Einführung
der Adventsfeiern (nicht etwa Julfeiern) durch Präses von Scheurl
in den 40er Jahren.
Nach dem Krieg war der Orden völlig verarmt, unfähig, den Verfall des Irrhains
aufzuhalten; trotzdem sieht man an der Gerhart-Hauptmann-Feier und anderen der
ersten Veranstaltungen, daß man an dem kulturellen
Aufatmen der Nachkriegszeit Anteil hatte. In der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts hat er allerdings nur bruchstückhaft in seinen Veranstaltungen von
dem jeweils Neuesten in Kultur und Literatur Kenntnis genommen; er blieb in
vorsichtiger Abwehrhaltung gegenüber denjenigen Tendenzen, die es darauf
abgesehen haben, nur immer wieder "den Bürger vor den Kopf zu
schlagen" (épater le bourgeois -- dieser
Schlachtruf wirkt selbst ein wenig automatisiert). Während unserer Zeiten hat
der Orden in den Auseinandersetzungen literarischer Gruppenbildungen keine
Rolle gespielt, was vielleicht recht weise war; er nimmt jedoch auch Mitglieder
anderer Schriftstellervereinigungen auf, wie etwa der Vereinigung
"Kogge", des PEN-Clubs, des Verbandes Fränkischer Schriftsteller, der
Neuen Gesellschaft für Literatur in Erlangen, und unterhält Beziehung zu
Literaturgesellschaften in Innsbruck, Jena, Regensburg und Schweinfurt.
Seit gut dreihundert Jahren ist zum ersten Mal wieder ein Gemeinschaftswerk
von Mitgliedern des Ordens erstellt worden: die in Wilhelm Tümmels
Verlag, Nürnberg, zum Jubiläum erschienene Festschrift. Zum Irrhainfest im Juli
1994 ist ein ungewöhnliches Irrhainspiel, verfaßt vom
Ordensmitglied Godehard Schramm, durch das "Illustre Theater" Werner
Müllers aufgeführt und ausschnittweise von einem
Kamerateam des Bayerischen Fernsehens aufgezeichnet worden. Zwei Ausstellungen
in Stadtbibliothek und Germanischem Nationalmuseum sowie ein internationaler Barockforscherkongreß im Alten Rathaussaal zeugen von der
Beachtung, die der Orden von Fachleuten erfährt, aber auch von der tätigen
Mitwirkung des Ordens an der Forschung und an der Organisation dieser
Ereignisse. Anläßlich des Staatsempfangs, der zum
Jubiläum auf der Burg abgehalten wurde, hat der Orden mittelfränkische Deutsch-Facharbeiten
prämiiert, unterstützt von der Castell-Bank. Ein
zweites Mal fand eine derartige Preisverleihung im Juni 1998 statt, unterstützt
von der von-Praun’schen Stiftung, weitere Male im
Oktober 2000 und 2002. 2003 kam eine Verleihung an Realschüler dazu, die
besonders gute Leistungen im Deutschunterricht erbracht haben, ausgewiesen
durch Jahresdurchschnitt und einen besonders geglückten Aufsatz. Die Schüler
erhalten Geldgeschenke und Urkunden.
Die Zahl der Ehrenkreuze, die im Laufe seiner Geschichte verliehen wurden, konnte
der Orden in den vergangenen Jahren von 16 auf 39 bringen. (Träger sind etwa
der Bayerische Kultusminister Zehetmair, Direktor Prof. Weiler von der
Stadtsparkasse Nürnberg, Schriftsteller Hans König vom Fränkischen Schriftstellerverband,
Generaldirektor Dr. Grossmann vom Germanischen Nationalmuseum...) An neuen
Mitgliedern, die überlieferungsgemäß nur auf Vorschlag bisheriger Mitglieder
ohne Gegenstimme aufgenommen werden können, hat der Orden stetigen Zuwachs und
zählt nun knapp über 100; sie sollen alle „zu einem Ton einstimmen“ können, wie
es in der zweiten Ordensdevise heißt. Dies ist nicht als Gesinnungszwang,
sondern im Sinne menschlicher Verträglichkeit zu verstehen.
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